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Rezension zu Recovery und Empowerment

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Rezension zu Andreas Knuf (2020): Recovery und Empowerment. Köln: Psychiatrie Verlag. ISBN 978-3-96605-973-9

Eine interessante und wertvolle Publikation, die der Autor für die Psychiatrie vorlegt und die sich auch für neurologisch Erkrankte zum Lesen eignet. Aus Sicht des Rezensenten sind hier Überschneidungen gegeben. Das mag daher rühren, dass es sich in beiden Fällen um etwas Erworbenes handelt. Eine psychische Erkrankung ist ebenso, wie eine neurologische Erkrankung, nicht von Geburt an vorhanden. Sie tritt irgendwann im Leben einmal auf und hat unter Umständen schwerwiegende Folgen.

Ein weiterer Grund für die Veröffentlichung zum Themenfeld Psychiatrie ist wohl in der langjährigen Tätigkeit in der stationären und ambulanten psychiatrischen Versorgung des Autors, der als Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut tätig ist.

Empowerment kann mit Selbstbefähigung oder Selbstbemächtigung übersetzt werden. In diesem Sinne meint Empowerment „die Zurückgewinnung von Stärke und den Einfluss betroffener Menschen auf ihr eigenes Leben sowie die Emanzipation der Betroffenen selbst“ (S. 11).

Recovery ist mit Genesung oder dem Wiedererlangen von Gesundheit übersetzbar. Nach dem Recoveryansatz ist das Ziel nicht die Symptomfreiheit, „sondern ein Weg zu einem freudvolleren und zufriedeneren Leben“ (S. 13), das durch das – in unserem Fall – hirntraumatische Ereignis im Akutstadium zunächst hoffnungs- und aussichtslos erscheint.

Zum Aufbau der Veröffentlichung:

  1. Was ist „Empowerment“ und was „Recovery“?
  2. Wie werden Menschen wieder gesund?
  3. Ressourcenorientiert arbeiten
  4. Selbstbestimmung fördern und ermöglichen
  5. Empowerment bzw. Recovery und Psychopharmaka
  6. Förderung von Eigenaktivität
  7. Individuelle Selbsthilfe und Selbsthilfe in Gruppen
  8. Informationen vermitteln
  9. Selbststigmatisierung überwinden
  10. Die Annahme der eigenen Person und der Erkrankung
  11. Mitarbeit von Betroffenen in Einrichtungen und Gremien

Die Themen, die der Autor behandelt, sind Themen, die im heilpädagogischen Kontext und auch für Menschen nach einem hirntraumatischen Ereignis von Bedeutung sind.

Wir, die wir mit den Folgen eines hirntraumatischen Ereignisses leben, müssen das Leben damit bestmöglich meistern. „Es ist eben ‚stinknormal‘, sich nicht immer gut zu fühlen“ (S. 16 f.), wie Knuf es für psychische Probleme schreibt.

Auch ist die ressourcenorientierte Arbeit ein wichtiger Bestandteil in der neurologischen Rehabilitation. Neurologische Rehabilitation darf nicht nur defizitorientiert erfolgen. Es gilt bei der Ressourcenorientierung, „die Schwierigkeiten und die Fähigkeiten genaustens zu betrachten und dem Klienten zu helfen, jene Fähigkeiten wahrzunehmen und einzusetzen, die zur Lösung des Problems hilfreich sind“ (S. 27). Viele Hirnverletzte, so auch der Rezensent, machen die Erfahrung, dass ihnen Fähigkeiten abgesprochen werden und sie damit gar nicht in Berührung kommen.

Auch das Thema Selbstbestimmung wird im Kontext Rehabilitation und auch danach defizitär behandelt. Gerade im stationären Verlauf wird die Selbstbestimmung von der Fremdbestimmung überlagert- Es gibt viele hirnverletzte Menschen – und hier spielen auch eigene Erfahrungen nach einem schweren hirntraumatischen Ereignis eine Rolle -, „die ihr Recht auf Selbstbestimmung nutzen würden, wenn […] Hindernisse aus dem Weg geräumt wären“ (S. 44).

Die Förderung der Eigenaktivität korrespondiert mit der erlernten Hilflosigkeit, denn Menschen mit einer Hirnverletzung, „die immer wieder die Erfahrung machen, durch eigenes Handeln die äußere Situation nicht oder kaum beeinflussen zu können, geraten in einen Zustand, in dem sie sich selbst nichts mehr zutrauen, sich zurückziehen, die Hoffnung auf Veränderung verlieren sowie inaktiv und antriebslos werden“ (S. 82).

Das Thema Selbsthilfe ist für Menschen nach einer Hirnverletzung eine gute Methode für den Umgang mit Krisen, wie sie nach einer erworbenen Hirnverletzung nicht selten sind. Besonders die Selbsthilfegruppen sind wertvoll, „weil sie Betroffenen vermitteln, mit ihrem Problem nicht allein zu sein. Betroffene unterstützen sich gegenseitig, außerdem dienen die Gruppen als Informationsbörse zur Erkrankung und zu adäquaten Hilfsmöglichkeiten“ (S. 107). Ein gutes Beispiel für die Selbsthilfegruppenarbeit für Hirnverletzte bietet die Kölner Selbsthilfegruppe, die sich über https://www.hirnverletzungen.koeln/ [abgerufen am 29.12.2025] im Internet präsentiert und auf ihre Angebote aufmerksam macht.

Wichtig sind auch Informationen, die für Betroffene auf jeden Fall zugänglich sein müssen. „Informationsvermittlung und Aufklärung sind […] wichtige Elemente einer empowerment- und recoveryfördernden Arbeitsweise“ (S. 112). Ein Vorenthalten von Informationsmaterial kann bei Betroffenen zu Verunsicherung führen, z.B. bei fehlender Information zu möglichen Nebenwirkungen eines Medikaments.

So wie psychisch Erkrankte wenden Menschen, die über hirntraumatische Erfahrungen verfügen, gesellschaftliche Vorurteile gegen sich selber an. Hierbei handelt es sich um eine Selbststigmatisierung und „Selbststigmatisierungsprozesse sind eines der größten Recovery- und Empowermenthindernisse, die es gibt“ (S. 123), wie es die Erfahrungen des schwer hirntraumatisierten Rezensenten belegen.

Wichtig für das Recovery nach einem hirntraumatischen Ereignis ist die Annahme bzw. die Akzeptanz der eigenen Person samt der Hirnverletzung oder hirnorganischen Erkrankung. Es gilt hier die eigenen Grenzen zu erkennen und gleichzeitig die neuen Möglichkeiten zu entdecken. Eigene Erfahrungen belegen, dass dem Wunsch Arzt zu werden, in einem Beratungsgespräch mit einem Anatomieprofessor, die Schwierigkeiten aufgezeigt und somit eine Absage erteilt wurde. Gleichzeitig wollte ich aber auch den Umgang mit Behinderungserfahrenen in Richtung Integration (von Inklusion hat 1989 in der Behindertenszene noch niemand gesprochen) vorantreiben. Und da es sich bei der Heilpädagogik um eine ganzheitliche Pädagogik handelt, realisierten sich hier beide Berufswünsche in einem Fach. Es taten sich neue Möglichkeiten auf, die dann auch genutzt wurden.

Die Lektüre des Buchs zum Recovery und Empowerment kann Fachmenschen, die mit neurologisch Verletzten oder Erkrankten zu tun haben, in vollstem Maße empfohlen werden. Das hierin Aufgeführte berührt dieses Feld ebenso, wie das der Menschen, die mit psychisch Beeinträchtigten konfrontiert sind.

Professor Dr. phil. Carsten Rensinghoff

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